01. August 2010
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Pedal: Nächstes Jahr
die zukunft hat begonnen.
Allzu viel hat sich in dieser Woche in Sachen Fußball nicht getan, was sich nicht zuletzt daran zeigt, dass die letzte Pedal-Folge immer noch eine prominente Stellung in der Startseite innehat. Dem kann aber Abhilfe geschafft werden, idealerweise mit einer neuen Folge. Nur was soll man da schon groß schreiben, wenn wenig passiert ist? Ich hab mir gedacht, wenn schon keine Bundesligaspiele sind und sich alles um EM-Qualifikation dreht, dann kann ich eigentlich auch jetzt schon einen EM-Rückblick schreiben. Was gut ist, weil ich dann länger Urlaub hab und nach der EM kann eh jeder. Doch eine Warnung: wer nicht jetzt schon wissen will, wie die Europameisterschaft nächstes Jahr verläuft, der hört besser hier auf zu lesen und füttert sein Meerschweinchen. Für alle anderen geht es los, wir schreiben den 30. Juni 2008, ein Tag nach dem nervenzehrenden EM-Finale.
Mensch, was war das gestern für ein Abend! Erst 1:0, dann 2:0 und als wir schon am Jubeln waren, verkürzen die doch noch und schaffen in der 88. Minute noch den Ausgleich. Na toll, war die ganze Aufregung für die Katz, jetzt müssen wir uns übermorgen das Entscheidungsspiel antun und erneut 90 Minuten zittern. Da sieht man mal wieder, was dieser Platini da für komische Änderungen vorgenommen hat. Erst führt der einen zweiten Ball ein, dann zählen Tore Rumäniens plötzlich doppelt und die Gelbe Karte wird durch die Rote ersetzt. Super, Michel, keiner versteht den tieferen Sinn dahinter, aber du musst ja alles hier reformieren. Erinnern wir uns allein an das denkwürdige Vorrundenspiel zwischen Rumänien und Israel. Die 17. Minute, es steht noch 0:0, da kommt einer der Bälle aufs Tor der Israelis, Abwehrspieler Jesus kriegt den Ball unglücklich an die Hand und der Schiri stellt ihn dafür vom Platz. Zeitgleich dribbelt Peter Maffay auf der anderen Seite frei aufs Tor zu, wird am Trikot gezogen und Israel verabschiedet sich von seinem zweiten Mann. Die darauffolgenden (zeitgleichen!) Elfmeter und Freistoß gehen beide rein und das Spiel ist praktisch gelaufen. Rumänien führt 4:0 und Israel hat zwei Mann weniger, umso erstaunlicher, dass Rumänien in der Folge durch Unachtsamkeiten noch 4:1 gewonnen hat. Doch dieses Spiel bildete zum Glück die Ausnahme, alles in allem war es eine spannende, wenn auch nicht immer hochklassige Vorrunde und irgendwann gewöhnt man sich auch an den zweiten Ball und das damit verbundene Split-Screen-Verfahren, das ZDF-Neuzugang Heiko Waßer auch brav vor jedem Spiel den neu hinzukommenden Zuschauern erklärt hat.
Die erste Überraschung des Turniers bereitete uns zweifelsohne Österreich. Noch bevor das Eröffnungsspiel stattfinden konnte, maulten die Spieler über chronische Lustlosigkeit und meuterten gegen Trainer Sacher. O-Ton Kapitän Toni Polster: "Mir hoam koa Boack." Ja was macht man da als Verantwortlicher, wenn 20 von 23 Spielern nicht spielen möchten und die anderen drei zudem immigrierte Kärtner sind? Sacher tat das einzig Richtige und zog sein Team zurück, für Österreich rückte das in der Quali nur knapp gescheiterte Fusionsteam von Österreich-Ungarn nach. Platini war das zutiefst zuwider, wollte er doch nicht alte Wunden wieder aufreißen, und so lud er zum Kulturaustausch noch die Auswahlen von Böhmen-Mähren, Elsaß-Lothringen und Däubler-Gmelin ein, die in einem zeitgleich angesetzten Miniturnier den Verlierer der Herzen ausspielten. Von unglaublichen Spannungen geprägt war dafür die Gruppe um Co-Gastgeber Schweiz. Hatte man schon mit Italien, Frankreich und dem Überraschungsteam Brasilien eine zugegeben schwere Gruppe erwischt, sah man sich bald einem weitaus größeren Problem gegenüber: George W. Bush drohte mit erhobenem Zeigefinger. Was war passiert? Bush schrieb einen Brief an den Schweizer Staatspräsidenten Wilhelm Tell mit den Worten: "Ey ihr da, unterschreibt mal das Kyoto-Protokoll, sonst kommen wir und bomben euch alle tot." Tell daraufhin schnippisch: "Haben wir schon, macht doch selber." Woraufhin Bush eiskalt konterte: "Oh, sorry, mein Fehler. Ich meinte natürlich: rückt eure Massenvernichtungswaffen raus, sonst kommen wir und bomben euch alle tot." Wilhelm Tell war geschlagen, unverzüglich versandte er eine Schiffsladung Schweizer Taschenmesser in die USA und hat seitdem nichts mehr von Bush gehört.
Wie lief es denn eigentlich für das deutsche Team? Nach äußerst erfolgreicher Qualifikation und dank Angie dem Status der beliebtesten Nation weltweit, musste das deutsche Volk kurz vor Turnierstart eine Hiobsbotschaft hinnehmen. Jogi Löw nahm das Angebot von Meister Arminia Bielefeld an und stand nicht länger als Nationaltrainer zur Verfügung. Was nun? Eigentlich wollte Franz Beckenbauer schnell einspringen, wurde dann aber von Udo Lattek im Doppelpass im letzten Moment gehindert. Einer solch fachkundigen Meinung musste sich Beckenbauer geschlagen geben und schlug seinerseits am nächsten Tag im Hochglanz-Format Bundesliga Aktuell Olli Kahn als nächsten DFB-Coach vor. Dieser zögerte nicht lange, unterschrieb den Vertrag, lud Jens Lehmann unwiderruflich mit der Begründung "Ätschbätsch" vom Turnier aus und trat zurück. Jetzt war Not am Mann, eigentlich konnte uns nur noch ein Mann retten: Gerhard Schröder. Und der machte seinen Job recht gut, gewann alle Vorrundenspiele trotz Philipp Lahm im Kasten zu Null und äußerte leise Bundeskanzlerambitionen. Zugegeben, mit Georgien, Moldawien und Armenien hatten wir auch ein bisschen Losglück. Das ganze Land war schon wieder in 54-74-90-2006-Stimmung, jetzt standen nur noch drei Spiele an und der Traum vom EM-Titel, der eigentlich immer noch ein Traum vom WM-Titel war, schien greifbar nahe.
Doch bevor wir in die Ko-Runde einsteigen, werfen wir doch einmal ganz kurz einen Absatz lang einen Blick auf das sonstige Weltgeschehen. Zum Beispiel nach Italien: Eva Herman hielt es nicht länger in Deutschland aus, sie konnte es einfach nicht fassen, wie ihre bei TVtotal geäußerte Aussage "Eigentlich war Hitler auch sonst ganz dufte" schon wieder missverstanden werden konnte. Zusammen mit Silvio Berlusconi versucht sie jetzt, Hitlers Familienpolitik auf Italiener zu übertragen, doch auch die sind auf Onkel Adolf nicht allzu gut zu sprechen, weshalb Herman jetzt schon den Spitznamen "La duce terrier" trägt. Doch sie gibt nicht auf, ihr neuestes Buch mit dem Titel "Keine Rechte für Frauen - wie man auch mit links die Küche sauber kriegt" erscheint demnächst bei Ehapa, es sollen bereits erste Hollywood-Drehbücher von Susan Stahnke auf Hermans Tisch liegen. Nicht ganz so gut läuft es für Johannes B. Kerner, der zwar immer noch im ZDF kochen darf, aber von sämtlicher Fußballberichterstattung ausgeschlossen wurde. Vor einem Jahr hackte er auf Michael Ballack rum, der als Kapitän doch gefälligst mal von London nach Cardiff kommen solle, sich aber zu der Zeit in Köln befand, was zweifelsohne viel, viel weiter, fast schon unerreichbar weit weg ist. Wenig später entschuldigte sich Kerner öffentlich bei Beckmann bei Ballack, trat dabei aber erneut ins Fettnäpfchen, indem er behauptete (nicht: in dem er behauptete), Hitlers Familienpolitik sei ganz nett gewesen. Nur eine Woche später tauchen Beweise auf, aus denen hervorgeht, dass Kerner mit 17 Jahren in die NSDAP eingetreten ist. Kerners Einwand, er habe zu der Zeit noch gar nicht gelebt, werden im Sturm der Entrüstung nicht wahrgenommen; stattdessen wird Kerner von Günter Grass zu einem Glas Rotwein eingeladen, damit "man mal unter sich ist".
Aber zurück zum EM-Geschehen. Im ersten Viertelfinale gab es beim Schwedensieg über England für Fußballkenner keine Überraschung, auch Italiens 2:1 über Österreich-Ungarn verlief wie erwartet. Doch das dritte Ko-Duell hatte es in sich: zwar sahen die Verantwortlichen von Arminia Bielefeld mittlerweile ein, dass sie bei einer Europameisterschaft nichts zu suchen haben, trotzdem durften die Ostwestfalen weiter im Turnier bleiben. Ganz zum Entsetzen von Gegner Polen, der sich insgeheim schon ein Freilos erhofft hatte. Doch so musste die Entscheidung auf dem Platz gesucht werden. Bielefeld begann forsch und kontrollierte den einen Ball, Polen begann forsch und kontrollierte den anderen. Somit war das 0:0 zur Pause nur leistungsgerecht, beide Teams neutralisierten sich vollständig. Auch im zweiten Durchgang tat sich nicht allzu viel, erst fünf Minuten vor dem Ende machte Polen das entscheidende 1:0. Bielefeld war am Boden, doch dann holte Trainer Löw zum entscheidenden Schlag aus: er wechselte Torschütze Wichniarek bei Polen aus und bei Bielefeld ein (wieder eine von Platinis Reformen). Damit lag nun Bielefeld seinerseits mit einem Tor in Front und stand mit einem Bein im Halbfinale. In der letzten Minute hätte das Spiel dann noch einmal kippen können, doch beide zeitgleich von den Polen abgefeuerten Bälle trafen sich genau auf der Torlinie und gingen als wäre nichts gewesen am Tor vorbei. Das ist mal Pech.
Im letzten Viertelfinalspiel traf Deutschland auf die leicht favorisierten Galapagos-Inseln. Diese durften überhaupt nur bei dem Turnier mitspielen, weil Platini die Tiere da so süß findet. Doch die deutsche Elf gab sich keine Blöße und gewann durch Tore von Podolski (3), Klose, Toni und Felix Magath (2) locker flockig mit 7:0. Dennoch konnte sich Deutschland nicht allzu sehr freuen, denn in der Heimat kam ein neuer Skandal ans Tageslicht. Amerikanischen Forschern war es erstmals gelungen, Vogelgrippeerreger mit Brausepulver zu einem nahrhaften Vitamincocktail zu kombinieren, doch im Saarland war jemand so blöd, das Zeug über seine Gammelfleischtheke zu gießen. So mutierte ein tödlicher Erreger nie gekannten Ausmaßes und ging als "Gammel-H5N1" durch die Gazetten dieser Welt. Zum Glück fand Horst Seehofer in letzter Minute eine Lösung und neutralisierte den Erreger mit Radfahrerblut. Puh, der Kelch ist noch einmal an uns vorüber gegangen, jetzt kann uns nur noch die Klimakatastrophe etwas anhaben. Inzwischen stand das EM-Halbfinale gegen Italien auf dem Programm. Die gleichen bösen Gesichter wie vor zwei Jahren, als die sich mit zutiefst unfairen Mitteln unseren Finalplatz ergaunert haben. Nun waren Eier gefragt, solche Spiele kann man nur mit gestandenen Männern gewinnen, Männern wie Kevin Kuranyi. Doch der hatte an dem Tag einen Muskelkater, und das ist dann wohl auch der Grund, warum wir schon wieder gegen die doofen Italiener verloren haben. Nun lagen all unsere deutschen Hoffnungen auf Arminia Bielefeld, das sich im Entscheidungsspiel mit 1:0 gegen Schweden durchsetzen konnte.
Das Finalergebnis ist bekannt und irgendwann endet jedes Turnier, doch dieses wird uns aus drei Gründen noch lange in Erinnerung bleiben: Erstens: Holland war schon wieder nicht dabei. Zweitens: Bis zum Entscheidungsspiel gibt es zwei Europameister. Drittens: Es gibt kein Drittens. Italien gegen Bielefeld steht also in zwei Tagen erneut auf dem Tagesplan, nun heißt es Daumen drücken. Entweder für Bielefeld oder - was ich mir nicht vorstellen kann - wenn man Bielefeld wenig bis gar nicht mag für Italien. Das erste Finale war schon aufregend genug, was kann uns jetzt noch erwarten? Wird Artur Wichniarek zum Matchwinner Italiens werden? Ändert Platini die Rumänienregelung in eine Italienregelung um? Sitzt Eva Herman im Stadion? Wie kommt Horst Seehofer an Radfahrerblut? Wird Österreich-Ungarn wieder aufgelöst? Und überhaupt: wer kommentiert jetzt die Formel 1? Fragen über Fragen, ich weiß es ehrlich gesagt nicht, bin kein Hellseher.
Nächste Woche mehr.
Kommentare
#3 - Jaqui (11. September 2007, 21:09)
Sehr nette Satire. Fehlt eigentlich nur noch, dass es Bielefeld eigentlich gar nicht gibt.
#2 - kajooo (11. September 2007, 16:49)
Tut mir Leid finde es aber nicht sehr gut geschrieben.
MfG
#1 - Enrico (11. September 2007, 16:40)
Jetzt bin ich doch glatt in so heftiges Schmunzeln geraten, dass ich es direkt kundtue. Toll geschrieben und schön, dass es ausführlicher denn je ist :-)
Am besten sind meines Erachtens diese komödischen Übertreibungen (Platini) und spöttischen Frotzeleien (Passagen mit Waßer, Herman etc.) gelungen!
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