01. August 2010
football's coming home.
Wenn Hannes Schmidtlein [Name geändert. Richtiger Name liegt der Redaktion vor.] morgens zur Arbeit fährt, kommt er unweigerlich an einer kleinen Kreuzung vorbei. Nimmt er den rechten Weg, führt dieser ihn weiter zu seinem Arbeitsplatz im 43. Stock des Abraham Lincoln Memorial Ltd. Buildings. Doch manchmal hält Schmidtlein für einen Moment inne, steigt aus seinem silber-metallic-farbenen Ford Mustang aus und wählt ganz bewusst den linken der beiden Wege. In diesen Momenten ist er dann ganz bei sich und kann verstehen, warum er einst den steinigen Pfad hierhin nach Los Angeles wählte. Nicht des Geldes wegen, wie Schmidtlein immer wieder betont. Vielmehr hatte der 49-Jährige eine Vision, von der er sich auch jetzt, 29 Jahre später, nicht lösen möchte. Der Fußball lag ihm schon immer sehr am Herzen. Mit zwölf sammelte er erste Erfahrungen als Innenverteidiger in der D-Jugend des FSV Salmrohr. Nicht ganz freiwillig, wie er uns sentimental erzählt: "Meine Mutter hat mich da einfach hingeschleppt. Ich wollte lieber die Biene Maja im zweiten Programm gucken, aber sie wusste sofort, dass ich zu Höherem berufen bin. So sind Mütter eben. Damals hasste ich sie dafür, doch heute weiß ich, dass es das Richtige für mich war." Denn der Fußball veränderte sein Leben. Jetzt steht Hannes Schmidtlein an der Ecke Leicester Bvd./Greenwood Terrace und nimmt sich für uns ein wenig Zeit, ehe er einen wichtigen PR-Termin für die DFL wahrnehmen muss. Das Interview führte unser Korrespondent in San Francisco, Jack Mahone, weil unser Korrespondent in Los Angeles, Allan Jefferson, an dem Tag zu einer Schulaufführung seiner Tochter musste.
Fußball-Pionier Hannes Schmidtlein, 49, über Globalisierungsspläne, den richtigen Umgang mit dem EZB-Leitzins und die nimmermüde Dopingdebatte.
Pedal: Herr Schmidtlein, wir stehen hier an einem Ort, der eine ganz besondere Bedeutung für Sie hat.
Schmidtlein Ja, wenn Sie so wollen fing hier alles an. Es war vor jetzt fast 30 Jahren, ich erinnere mich daran, als wenn es gestern gewesen wäre. Gerade das Abi in der Tasche, flog ich mit ein paar Schulfreunden nach Los Angeles, um ausgiebig und exzessiv zu saufen. Sie wissen ja, wie Jugendliche sind... [lacht] Irgendwann hatte einer von uns - ich glaube der Hardy war's - den Gedanken, wenn wir schon einmal in L.A. sind, die Villa von Jack Nicholson zu suchen. Der hatte da gerade den Oscar gewonnen und wir hielten das für eine prima Idee. Wir fuhren also los. Doch die Villa von Jack Nicholson steht natürlich nicht im Adressbuch, und so führte uns unser jugendliche Leichtsinn kreuz und quer durch die Stadt der Engel, die mittlerweile zu meiner zweiten Heimat geworden ist. Genau hier an dieser Stelle [zeigt auf einen leicht verwitterten Kilometerstein] dann passierte das Unvermeidliche: der Sprit war alle und der Wagen bewegte sich keinen Millimeter mehr. Genau hier. Ist das nicht unglaublich?
Pedal: Doch schon, aber hätten Sie bei Ihrem Alkoholspiegel nicht lieber die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen sollen?
Schmidtlein: Wollen Sie mich jetzt hier diffamieren? Ich kann auch wieder gehen, wenn es das ist, was Sie wollen.
Pedal: Nein, nein, bleiben Sie doch bitte. Also Sie blieben hier an dieser Stelle liegen, und was geschah dann?
Schmidtlein: Hardy hat mir auf's Armaturenbrett gekotzt.
Pedal: Verstehe. Inwiefern hat dieser Moment Ihr Leben verändert?
Schmidtlein: Naja, erstmal war ich natürlich stinkensauer auf den Hardy. Aber dann bekam ich aus heiterem Himmel eine Vision. So etwas war mir bis dahin nur ein einziges Mal passiert, als nämlich Geoffrey Hurst den heute als Wembleytor bekannten Treffer erzielte und ich sofort wusste "Der ist nicht drin. Jetzt werden wir Weltmeister."
Pedal: Wie wir alle wissen war dem nicht so.
Schmidtlein: Das bemerkte ich dann auch. Aber das ist ja das Typische an Visionen. Mal werden sie wahr, mal kannst du dir mit ihnen wenigstens ein paar schöne Stunden machen und mal sind sie einfach ein Griff ins Klo. In dem Fall ein sehr tiefer.
Pedal: Dann erzählen Sie uns doch jetzt einmal von der anderen Vision. Von der, weswegen ich extra aus San Francisco hierher gekommen bin.
Schmidtlein: Nun, folgendes: Mit Fußball ist es hier in den Staaten nicht weit her. Die Amis spielen lieber Baseball, Football oder Playstation 2. Dabei ist Fußball nachweislich die geilste Sportart der Welt. Hinter Schlammcatchen natürlich. [zwinkert mit einem Auge] Wobei halt... Läuft das Band eigentlich schon? Das mit dem Schlammcatchen will ich nicht gedruckt haben.
Pedal: Sie kriegen sowieso vor Abdruck ein Exemplar zum Gegenlesen, also keine Angst. Da haben sich schon ganz andere weit mehr verplappert, und die dürfen heute nicht einmal in Talkshows bis zum Ende bleiben.
Schmidtlein: So etwas gibt's?
Pedal: Natürlich nur, wenn man sich in einer Runde mit Mario Barth über im weitesten Sinne Politik unterhält. Dann bleibt das natürlich nicht aus. Doch zurück zu Ihrer Vision...
Schmidtlein: Ach ja. Ich dachte mir: Mensch, das wär doch mal was, wenn du den Fußball hier in den Staaten populär machen könntest. Das wär doch mal 'ne Aufgabe für einen Jungspund wie dich. Wissen Sie, damals war ich noch jung. Heute kann ich mir gar nicht mehr vorstellen jung zu sein, aber das Rad der Zeit dreht an jedem von uns.
Pedal: Wem sagen Sie das...
Schmidtlein: Gestern erst hab ich gelesen, dass 83% der Deutschen von Tag zu Tag älter werden; 24% von denen [insgesamt also knapp 20%, die Red.] sogar mehr als einen Tag. Erschreckende Zahlen! Da frag ich mich als Fast-Fünfziger doch: willst du das wirklich?
Pedal: Ich finde ebenfalls, dass da die Bundesregierung aktiv werden sollte. Immer nur Mindestlohn und Afghanistan-Einsatz kann es doch auch nicht sein. 83 Prozent sprechen eine deutliche Sprache, davor kann sich auch eine Ulla Schmidt nicht verschließen.
Schmidtlein: Was hat die denn damit zu tun?
Pedal: Die ist einfach alt.
Schmidtlein: Achso, gut, da haben Sie natürlich recht. Aber sehen Sie, genauso musste ich einfach in Sachen Fußball aktiv werden. Das ging dann ganz im Kleinen los. Ich fing an, Panini-Sammelbildchen einzeln in Umschläge zu packen und flächendeckend an die Westküste zu schicken. Direkte Kundenakquirierung nennt man das. Der Ami macht die Post auf und freut sich, neben all den Kreditkartenabrechnungen ein Foto von einem Bundesligaspieler in den Händen halten zu können. Mal ist das ein Petri Pasanen, mal ein René Adler, aber mal auch nur ein Bielefelder. Dem Amerikaner ist das egal, der nimmt alles was nichts kostet. Wenn dann auch noch ein Burger dabei ist, dann können Sie dem im Grunde alles verkaufen. Leider bin ich erst letztes Jahr auf diese Marketingstrategie gekommen.
"Fußball in den USA ist wie Don Quijote ohne Mr. Hyde."
Pedal: Es ging also mit Sammelbildern los. Was kam dann?
Schmidtlein: Fußball war plötzlich ein Thema hier in L.A. Die Leute fragten sich: "Who da fuck is Marco Küntzel?" Damit war der Grundstein gelegt und ich konnte von Tür zu Tür gehen.
"Marco Küntzel plays for Energie Cottbus."
"Cottbus? Never heard of it."
Natürlich kennt der Ami Cottbus nicht, alles andere müsste einen auch sehr überraschen.
"Cottbus is a big city in Germany."
"Germany? What the hell do ya want from me? I told your Scientology buddy yesterday: piss off. Yeah. Piss off, motherfucker!"
"Come on. Germany. You should know Germany."
"No, man."
"Mercedes-Benz, Porsche, German Beer."
"Yes, dude, German Beer, I know. Hehe. Oktoberfest."
"Great. So you know Germany."
"Nope."
Wissen Sie, der direkte Kundenkontakt kann manchmal frustrierend sein. Aber da darf man nicht kleinbeigeben.
"Germany is a country in Europe."
"Europe?"
"You're kidding me, right?"
"Well, I kinda heard something about Europe. Uhm. It's a football league. Yeah, NFL Europe. Now that's what we're talking about."
Danach ist es im Grunde ganz leicht. Ich sage denen dann immer, dass man beim Fußball einen Ball möglichst schnell in die gegnerische Hälfte bringen muss und die machen mir ein Barbecue.
Pedal: So ist der Ami...
Schmidtlein: Ja, in der Tat, manchmal ist der amerikanische Staatsbürger simpel gestrickt.
Pedal: Und was machen Sie, wenn die Assoziation zwischen Europa und der NFL Europe nicht auf Anhieb funktioniert? Ich meine, die meisten Amerikaner haben nur eine grobe Ahnung, dass es so etwas wie Europa überhaupt gibt.
Schmidtlein: Nun, das ist im Grunde auch kein Problem. Ich frag dann immer, ob sie denn wenigstens George Bush kennen. Wenn dann ein enthusiastisches "Yeeeeehah! George Bush. Bang bang bang. Iraqi, you're dead people! Be my guest!" kommt, dann steht auch hier dem Barbecue-Abend nichts im Wege. Andernfalls bin ich ohnehin an der falschen Adresse. Ich meine, wenn ein Amerikaner weder Footballfan ist, noch die Iraker ausbomben will, dann läuft da ohnehin etwas falsch. Da kann selbst ich dann nichts mehr machen.
Pedal: Aber Sie bleiben trotzdem standhaft.
Schmidtlein: Da können Sie aber einen drauf lassen. Und wenn ich mich später dafür im Grab umdrehen muss.
Pedal: Wie ist ihre Erfolgsquote?
Schmidtlein: Nun ja, die meisten kennen George Bush schon, so ist ja nicht. Nur gestern erst war ich bei einer blonden Schickse, die partout nichts von Deutschland hören wollte. Erst auf dem Rückweg fiel mir auf, dass ich bei Susan Stahnke war.
Pedal: Die lebt immer noch in Hollywood?
Schmidtlein: Ja, ich denke schon. Gut, kann natürlich auch sein, dass ich die mit Danny DeVito verwechselt habe. Wobei der ist schon an Bord und kann es kaum erwarten, im Benefizspiel zum Abschied vom Jens [Nowotny, die Red.] mitzuwirken.
Pedal: Hat der nicht letzte Woche schon sein Abschiedsspiel in Karlsruhe gegeben?
Schmidtlein: Ja, das ist richtig. Das wollte das DSF so, damit wenigstens ab und zu die Gewinnspiele unterbrochen werden können. Aber im Grunde ist der Jens lieber in den USA, weil hier die Leute nicht wissen, was ein Stellungsfehler ist. Die denken dann immer sofort an etwas Versautes mit Paris Hilton. Achso. Kann auch Paris Hilton gewesen sein gestern. Ich weiß es nicht hunderprozentig.
"Ich bin hier, um den Menschen etwas zu geben.
Etwas, das sie gegeben haben wollen.
Etwas, das sie sonst nicht hätten.
Und dafür bin ich halt da und so.
Macht auch Spaß manchmal."
Pedal: Herr Schmidtlein, jetzt leben Sie seit fast 30 Jahren hier, glauben Sie, dass die Amerikaner inzwischen die Freude am Fußball gefunden haben?
Schmidtlein: [bekommt feuchte Augen] Auf jeden Fall! Wenn ich durch die Stadt gehe und sehe nicht nur billige Starlets oder solche die es werden wollen, sondern hier und da so etwas wie einen echten Fußball, dann weiß ich, dass ich hier richtig bin. Das sind dann so die Momente, an denen ich meiner Mutter einfach danken möchte. Irgendwann, vielleicht nächstes oder übernächstes Jahr, lad ich sie dann einmal ein hier rüberzukommen. Dann zeig ich ihr, wie schön Fußball jenseits der Grenzen Deutschlands sein kann. Ohne Abseits. Dafür mit Auszeiten und Wide Receivern.
Pedal: In Amerika wird ohne Abseits gespielt?
Schmidtlein: Ja, das verstehen die einfach nicht.
Pedal: Achso.
Schmidtlein: Schade ist das schon. Aber erklär einem Ami mal zum Beispiel, dass es so etwas wie CO
2 gibt. Al Gore hat das geschafft und ist dazu völlig verdient einer der Nachfolger von Martin Luther King, Nelson Mandela oder Mutter Teresa. CO
2 dürften die Amis also mittlerweile draufhaben. Aber Abseits? No way. Ich bin ja auch kein Al Gore.
Al Gore. Verstehen Sie?
Pedal: Absolut. Ein großer Mann. Wie er es geschafft hat, allein mit einer visionären Marschroute (Klima ist gut) und einer mutigen These (Wir böse für Klima) nicht nur einen Oscar zu gewinnen, sondern uns gleichzeitig alle vor dem sicheren Tod in <3 Jahren zu bewahren... Bemerkenswert!
Schmidtlein: Mittlerweile findet George Bush den sogar dufte. Auch wenn er es natürlich nie zugeben würde.
Pedal: Die Überleitung von George Bush zu Lothar Matthäus fällt jetzt nicht ganz leicht. Es müsste ihnen doch gefallen haben, dass der Kapitän der Weltmeisterelf von 1990 auf seine alten Tagen in den USA Entwicklungsarbeit geleistet hat.
Schmidtlein: Entwicklungsarbeit nennen Sie das? Ich will es mal so ausdrücken: George Bush und Lothar Matthäus sind sich da eigentlich ganz ähnlich. Beide bringen etwas in ein fremdes Land, das dort im Grunde keiner will.
Pedal: Nichts anderes tun Sie doch auch...
Schmidtlein: Ja sicher, aber ich geh da nicht so mit der Brechstange ran. Lothar hat damals von der ersten Pressekonferenz an klargemacht, dass er von jetzt auf gleich den Football neu erfinden will. Nebenbei bemerkt: die Sprache auch. Aber du kannst dem Ami nicht den Football wegnehmen. Das wird auch ein David Beckham in Zukunft einsehen müssen. Wie sagte schon einst der wahrlich kluge Denker Kyrgiaphokles? "Tugendhaftigkeit und Geduld treten in die Kammer der Gutmütigkeit ein, während Gier und Ehrgeiz leider draußen bleiben müssen."
Pedal: Wie wahr, wie wahr....
Schmidtlein: Ich finde, das eignet sich auch gut als Schlusswort. Oder was wollen Sie noch wissen?
Pedal: Haben Sie noch Kontakt zu Hardy?
Schmidtlein: Nein, seitdem nicht mehr.
Pedal: Herr Schmidtlein, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Interview führte Jack Mahone, Washington Post, exklusiv für Pedal.
Nächste Woche mehr.